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​​​​​​​Am Rand des Universums
Randspaltereien ​​​​​​sive septem artes marginales



1. Aphoristica per se

Früher fielen mir ständig Reime zu, doch seit die Welt prosaischer geworden, schreib ich Aphorismen immerzu.
Bekenntnis eines Aphoristikers: Im Lichte von Lichtenberg steh ich wie ein Esel am Berg, im Lichte von Schiller fehlt mir der eherne Wille, im Lichte von Goethe gehn mir grad die Ideen flöten.
Hinter der Zweideutigkeit des Aphorismus liegt die unzweideutige Eindeutigkeit der Wahrheit.
Nur der Chiasmus darf auch mal kreuzfalsch liegen.

2. Zoon politikon

Beim derzeitigen politischen Diskurs geht das Leben schon bald in Konkurs.
Im aktuellen politischen Triptychon des Grauens erleben wir die moderne Vollendung babylonischen Bauens: Grössenwahn und Unverstand.
Wenn der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist (Carl von Clausewitz), dann sollte die Politik für die Fortsetzung des Friedens mit allen Mitteln sorgen.
Trauer reimt sich nicht umsonst auf Mauer, Tränen auf Trennen und Zorn auf Zaun.
Die hässlichste Fratze des kollektiven Narzissmus ist der Nazismus in all seinen Ausprägungen.
Die neue Weltordnung: Oben regieren die Narzissten, von unten echoen die Chaoten, und dazwischen hangeln sich «Volk und Stände» von einer Krise zur nächsten ganz behende.
Die Unterdrückung der Pressefreiheit ist gleichbedeutend mit der Erpressung der Freiheit.
Wenn es von nichts mehr eine Version per se gibt, bedeutet dies die Perversion von allem schlechthin.
Man kann beim Plaudern vom Umdenken so schön zaudern mit dem Umlenken.
Das ausgetrocknete Land dürstet nach Wasser und Friede – stattdessen wird es aufgerüstet mit Waffen für Kriege.
Entgegen einer weitverbreiteten Ansicht ist Heimat nicht dort, wo man zu Hause ist, sondern dort, wohin man jederzeit zurückkehren könnte. Vielleicht ist deshalb die ideologische Heimat oft so selbstreferenziell.
Die Geschichte lehrt: Wer die kühnsten Ideen erdacht, die verwegensten Taten vollbracht, wird des Öfteren erdolcht und nur selten geehrt.
Allein mit Zweckoptimismus ist dem Kulturpessimismus nicht beizukommen.

3. Mundus unicus

Warum nur gehen wir so mit unserer Mitwelt um, statt mit unserer Umwelt mitzugehen?
Positivistisch betrachtet ist der Zustand der Welt nicht gerade positiv und optimistisch betrachtet nachgerade suboptimal – von der pessimistischen Betrachtung schweigen wir mal besser.
Klimawandel, Gletscherschmelze, Wüstenbildung, Artensterben, Hungersnöte, Katastrophen, Haaresbreite – Trochäen dieser Art skandieren mit zunehmender Schnelle die Trophäen der Postmoderne.
Wir sind gerade dabei, den Planeten an die Wand zu fahren – eine Wand aus Ignoranz und Intoleranz, Impertinenz und Inkompetenz, und das meine ich ganz ohne Larmoyanz!
Vom Planeten der Affen zum Planeten der Insekten ist es, so fürchte ich, nur noch eine kurze Strecke.
Vom Weltall aus betrachtet wirkt die Erde wie ein wunderschönes blaues Auge – es bleibt nur die Frage, ob wir blauäugig in unser Verderben rennen oder noch einmal mit einem blauen Auge davonkommen.
Die Menschheit hat es zuwege gebracht, drei der vier von den antiken Naturphilosophen erkannten Elemente – Wasser, Luft und Erde – nachhaltig zu vergiften; das vierte – Feuer – indes wird vielleicht dereinst die Natur entgiften – von der Menschheit.
In Bezug auf den Klimawandel gibt es keine Kultur des Scheiterns, nur ein Scheitern der – menschlichen – Kultur schlechthin.
Was wir heute entsorgen, werden die Sorgen von morgen.
Einer Welt, die in Brand geraten, nützt kein Rebranding mehr.
Wuchernd und Wüsten bevölkernd, Aerosole versprühend und Stratosphären bewölkend – so rast unsere Rasse direkt in die evolutionsgeschichtliche Sackgasse, verrückt geworden im weiten All auf einem nichtigen Ball kreisend in endloser Pirouette als letztes Glied der Nahrungskette.

4. Illuminationes

Im Gedankengewitter folgt auf einen Geistesblitz nicht selten ein Wörterdonner.
Grösse gibt sich gern Blösse; die wahre Kultur liegt in der Miniatur.
Nur etwas bleibt ewig jung: die Altlasten.
Der Schwerkraft des Schweigens kann allein die Fliehkraft des Redens trotzen.
Demut wird oft mit Unterwürfigkeit verwechselt; dabei ist die innere, echte Demut stets ein Zeichen von Stärke.
In Zeiten von Corona hält man’s am besten mit Boccaccio und seinem Decamerone …
Von zweien, die einander aufs Haar gleichen, hat sicher der eine das dickere Fell.
Was einer sagt und was einer meint, sind zwei Dinge, die sind selten vereint.
Wer Zeitloses erschaffen will, muss notwendigerweise aus der Zeit fallen.
Wem jede Perspektive fehlt, dem bleibt keine Perspektive – respektive die Retrospektive.
Reden ist Silber, Schweigen ist Gold – die richtigen Worte zum richtigen Zeitpunkt können aber goldrichtig sein.
Nur wer in jeder Unmöglichkeit eine Möglichkeit sieht, ist imstande, auch die Möglichkeit einer Unmöglichkeit zu erkennen.
Auch in der Schwebe kann etwas im Gleichgewicht sein – allerdings mit Absturzgefahr.
Zu jeder Spitze gehört untrennbar der Abgrund.
Es gibt ein Prinzip, das da heisst Hoffnung (auf Liebe); und es gibt eine Hoffnung, die da heisst Liebe (aus Prinzip). 
Oh Stille, du kannst mich betören, kannst dich gegen die Welt verschwören, kannst mir ganz gehören, doch eines kannst du nicht: mich stören!
Den wahrhaft Erleuchteten führt die Reise ins Licht zu seiner Bestimmung.

5. Malitiosa

Die drei Aggregatzustände gelten auch für die Gewissheiten: fest = unverrückbar, absolut; flüssig = alles ist im Fluss, relativ; gasförmig = nichts als heisse Luft. In welchem Aggregatzustand befinden wir uns wohl gerade?
Wir sind heute alle so intim mit Google, Facebook und der Cloud, dass wir gar nicht bemerken, wie man uns dreist im Team beklaut.
Die Erinnyen der Erinnerung können ganz schön rachsüchtig sein.
Es mag ja den Jetset entlasten, dass fortan durch den von ihren SUV-Wagen mitverursachten Klimawandel das moralische Dilemma entfällt, Pelz zu tragen.
Wer sich nur ums Monetäre kümmert, ist nicht nur elitär, sondern wird sehr bald auch solitär.
Ein intelligenter Mensch sollte in der Lage sein, zwischen den Zeilen zu lesen – so der lateinische Sinn des Wortes; schön wäre indessen, er könnte auch den Sinn der Zeilen an sich verstehen.
Können wir noch lieben mit Haut und Haar und Leidenschaft, oder warten wir nur noch auf den Kick der nächsten Einkaufsschlacht?
Für wen die Essenz des Lebens nur im Essen besteht, der verwechselt Subsistenz mit Existenz.
Wenn jemand die menschliche Tiefe nur mit dem eigenen Echo auslotet, schaut er wie Narziss stets nur sein eigenes Spiegelbild.
Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Hysterie der Masse beginnt (frei nach Immanuel Kant).
Träume, so sagt man, seien Schäume – was ist dann von der Schaumschlägerei zu halten, die wir tagtäglich betreiben?
Wer braucht schon die Hölle, wenn dies das Paradies auf Erden sein soll?

6. Philologica et Philosophica

Die Wissenschaft nährt der Zweifel, den Glauben verzehrt er.
Objektivität ist im Grunde nur eine mehr oder weniger grosse Wahrscheinlichkeit des Unwahrscheinlichen.
Da bin ich mittlerweile angekommen: Man kann noch so lange gegen etwas anschreiben, dagegen anzukommen vermag man nicht.
Das Corrigendum zum Addendum des Separatums ist – einfach nur dumm.
Spätestens bei der Synthese erweist es sich in der Regel, ob hinter einer Antithese auch wirklich eine These steht.
Die Dialektik des Dialekts besteht darin, eine Balance zwischen Hochsprache und Idiom zu finden, ohne der Idiotie zu verfallen.
Die Astrologie verhält sich zur Astronomie wie die Volksetymologie zur Etymologie.
Wenn man den Begriff der Schönheit ästhetisch definiert, bleibt nicht viel; wenn man ihn ätherisch definiert, ist Schönheit plötzlich überall.
Es gibt nichts Geistloseres als den Zeitgeist, nichts Vergeistigteres als den Weltgeist und nichts von allen guten Geistern Verlasseneres als den Volksgeist.
Wir müssen uns damit abfinden, dass nur Modelle unserer Vorstellung einbeschrieben sind und wir uns der Wahrheit – wie allen grossen Dingen – nur asymptotisch annähern können. Insofern sind Berührungsängste völlig überflüssig …
Im atemlosen Rhythmus des Algorithmus bewegt sich die Welt in einem Fort hin an einen gänzlich unbekannten, kalten Ort.
Statt die Götzen der Digitalisierung anzubeten, deren Universum lediglich aus Nullen und Einsen besteht, sollten wir besser auf die analogen Götter hören, die uns die Unendlichkeit des Universums gelehrt haben.

7. Condicio humana

Ein Kontinuum war’s, gewölbt und schwarz, daraus Schönheit quoll, unbegrenzt und ganz, ein Hall erscholl – das Wort geboren, der Schmerz erschafft, zugleich Erlösung erhofft durch menschlich Willenskraft, die alles tut und doch nichts schafft: unerkannt und rätselhaft.
Würden dem Menschen alle Möglichkeiten der Schlechtigkeit entzogen, es wirkte, als ob er gut wäre.
Der urmenschliche Zwang zur Unterteilung in Gut und Böse führt stets nur zu unmenschlichem Kriegsgetöse.
Wer Frömmigkeit mit dem Heiligenschein heuchelt, meuchelt diese direkt auf dem Altar der Scheinheiligkeit.
Der Mensch ist unfassbar perfekt in der Perfektionierung des Unperfekten – und dies im Plusquamperfekt, im Perfekt, im Präsens und, so ist zu vermuten, auch im Futur.
Wer ein Leben ohne Sinn nicht ertragen kann, der sollte besser nicht nach dem Sinn des Lebens fragen.
Ein gelungenes Leben ist wie ein Palindrom: Es sollte vom Anfang wie vom Ende her einen Sinn ergeben.
Ein nicht zu Ende gedachter Gedanke ist der Anfang vom Gedanken ans Ende.
Angeblich sind wir die Summe aller Erfahrungen – erinnern uns aber bestenfalls an den Durchschnitt aller Lebensereignisse.
Der Mensch weiss als einzige Spezies um seinen eigenen Tod. Wieso nehmen wir dann den Tod der eigenen Spezies so leichtfertig in Kauf?
Wieso ist das Gehen-Lassen so unendlich viel schwieriger als das Sich-gehen-Lassen?
Dass das Leben uns nur geliehen ist, merkt man besonders dann, wenn die Leihfrist unversehens gekürzt wird.
Eine Erklärung, die nicht klärt, eine Erläuterung, die nicht läutert, ein Erleben, das nicht lebt, ein Erscheinen, das nicht scheint, ein Erbeben, das nicht bebt, ein Erfinden, das nichts findet, ein Gefühl, das nichts fühlt – ist ein Ersterben, ohne zu sterben.
Der Tod ist nichts anderes als der Platzhalter des Lebens.
Dem Tod sein Antipod ist das Antidot.
Schicksal, willst du nicht mehr von mir weichen, unbedingt den Kelch, den bittren, mir reichen? So du nicht mehr weichst und ihn mir reichst: Reich mir doch auch die Hand, damit ich ihn nicht fürchten muss, den Mann im wallenden Gewand. 
Alles existiert erst durch sein Gegenteil: die Null durch die Eins, das Leben durch den Tod, die Frau durch den Mann, die Kultur durch die Natur – nur bei Gott waren alle Versuche, das Gegenteil zu erfinden, nicht sehr erfolgreich. Spricht dies eher gegen Gott?
Gott ist eine Antwort auf das Absurde. Da das Absurde auf unserer Welt aber so real ist, müsste eigentlich auch Gott existieren.

Illustrationen:
Sebastian Münster, Cosmographia (Basel 1545) S. 107.
Bartholomäus Ziegenbalg, Heinrich Plütscho, Merckwürdige Nachricht aus Ost-Indien (Leipzig 1708²) S. 10. 
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